SPECERE – Agnes King

Über das, was man erkennen mag, sofern man seine Augen öffnet und den Geist weit öffnet.

Blau erscheint die Nacht und leise flüstert es aus dem Dickicht des Waldes. Immerfort glitzert es hier durch den Kuss der großen Luna. Prächtig und vollmundig zeigt sie sich heute, beleuchtet nackte Fesseln. Jene, die hektisch durch das Moos, dem Heim der winzigen Feen, trampeln. Seide flattert umher, als würde es um sein Leben flehen. Ein sehnsüchtiges Keuchen erreicht die Ohren der kleinen Bewohner, doch weshalb sehnsüchtig, frage ich mich?

Eventuell um dort anzukommen, was man als Heimat bezeichnen mag? Dort hinein in die warme Umarmung, die gerade nur das sternreiche Himmelszelt zu bieten vermag. Jäher, rascher trampelt es, was jedoch von dem lieblichen Klang goldener Glöckchen begleitet wird. 

„Woher kommt dieser Klang?“, fragt sich das hektische Ungestüm. Kleine dampfende Wolken zeichnen sich vor kirschroten Lippen ab. Im ewigen Wechsel zwischen Atmung und Herzflattern erröten sich die makellosen Wangen. Gleich dem Gold der Feenmelodie, die im Walde herrscht, tanzen die Locken des rasenden Geschöpfes.

Ein dumpfer, lauter Hall. 

„Es fiel“, raunt es durch das Moos, zwischen den Büschen und im Gehölz. Neugierig aber vorsichtig setzt sich etwas in Bewegung. Nun ist es aber nicht mehr das gelockte Ungestüm, welches raschelt und Geräusche verursacht, sondern das kleine Volk, welches wissen möchte, was ihre Ruhe stört. 

„Wer bist du?“, flüstert es wieder aus dem Dickicht.

„Was? Wer ist hier?“, fragt es.

„Wir leben hier, wer oder was bist denn du?“ Beinahe im Chor singen die lieblichen Worte dem Neuling ein Lied.

„Ich? Ich bin Tilda, ein Mädchen aus dem Dorf jenseits des Waldes“. Rascheln. Glöckchen. Summen. 

Etwas setzt sich in Bewegung und zeigt sich. Zarte, glitzernde Wesen kriechen aus dem Unterholz, schälen sich aus den Stempeln der magischen Blumen heraus und zeigen sich in ihrer Pracht.

„Du hast Glück mein Kind, denn nur wer reinen Herzens ist, ist es würdig, das kleine Volk begrüßen zu dürfen“. 

Tildas Herz wird unmittelbar schwer. Es flattert und ihre Atmung beschleunigt sich erneut, da diesmal kein leises Feengeflüster ihre kleinen Ohren erreicht, sondern eine starke Stimme. Die einer Frau, die es jedoch vermag, ihre Nackenhärchen salutieren zu lassen.

„Habe keine Angst, ich bin hier, weil du mich gerufen hast.“ Hin und her wandert des Mädchens Blick. Keuchen. Seufzen. 

„Aber wen habe ich gerufen? Ich habe mich verirrt und bin verloren“, ruft Tilda verzweifelt in den Wald hinein. Sie setzt sich auf, richtet ihr seidenes Kleid, möchte sich gar fein machen, für die Frau, die sie vermeintlich nicht kennt.

Doch warm wird es plötzlich um ihr Herz, als sie plötzlich sieht, was sie einst gerufen hat. Weiß und rein erscheint sie vor ihr. Wunderschön im Angesicht des silbernen Scheins der nächtlichen Himmelsscheibe. Beim genaueren Hinsehen ist es gar ein Antlitz, welches ihrem Eigenen gleicht. 

„Schaue genauer hin, mein Kind.“ Weit nach vorn beugt sich das Mädchen, geht näher heran, wagt sich, die Hände auszustrecken. Sie berührt das leuchtende weiße Kleid.

„Und nun schließe deine Augen.“ Tilda weiß nicht, was um sie geschieht, doch sie vertraut der Schönheit und schließt ihre Lider. Warm wird ihr Finger, der sich um das Kleid gewickelt hat. Schleichend aber stetig kriecht das wunderbare Gefühl ihren Arm hinauf. Höher, tiefer. Sie stellt sich vor, dass das Kleid nun ihren ganzen Körper umhüllt, wie ein warmer Mantel gar eine Umarmung, die sie sich gewünscht hat.

„Öffne deine Augen, Tilda“, raunt das kleine Volk. „Los öffne deine Augen!“, drängt es beinahe im Chor.

„Geduld, ich mach ja schon, ich mach ja schon“, antwortet sie. Doch irgendetwas ist anders. Sie öffnet ihre Lider. Schaut an sich herunter. Sie trägt das Gewand, der wunderschönen Frau, die eben noch vor ihr gestanden hat.

„Aber ...“ Tilda hält sich nun die Hand vor den Mund. Betrachtet ihre Fingerspitzen, „was ist nur mit meiner St...“

„Drehe dich um“, flüstern ihr die kleinen Feen entgegen. Tilda gehorcht, lässt es sich nicht zweimal sagen. Sie dreht sich sachte um ihre eigene Achse, um das zu erblicken, was sie nicht in ihren kühnsten Träumen erwartet hätte. Die Umarmung, die Frau, der Ruf zeigt sich in all ihrer Pracht, während der Spiegel der Wahrheit vor ihr erscheint.

Agnes King – Autorin